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Informationen zur aktuellen Ausgabe
2-2010
Themenschwerpunkt:
Innere und äussere Sicherheit
Internal and External Security
Editorial
Die Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit entsprang dem
modernen (westfälischen) Staatensystem und währt noch immer als
zentrales Ordnungsprinzip der westlichen Demokratien. Diese Trennung
gerät jedoch zunehmend unter Druck, da sich das Verständnis
von Sicherheit und Sicherheitsbedrohungen gewandelt hat. Die
Globalisierung und die Verlagerung von staatlichen Bedrohungen
zu diffuseren transnationalen „Risiken“ haben zur Folge, dass sich
Strafverfolgungsbehörden vermehrt nach außen orientieren, während
Aufgaben nationaler Verteidigung zunehmend innenpolitisch
relevant werden. Diese Entwicklungen kommen durch Begriffe wie
die „Militarisierung der Polizei” und die „Konstabularisierung des
Militärs“ zum Ausdruck.
Diese Vermischung traditioneller Rollen ist kein neues Phänomen,
gab es doch schon immer eine gewisse Überschneidung zwischen
polizeilichen und militärischen Aufgaben. In westlichen Demokratien
kam das Militär beispielsweise von jeher im Katastrophenschutz
zum Einsatz. Paramilitärische Einheiten wie beispielsweise
die französische Gendarmerie oder die italienischen Carabinieri
hatten schon immer polizeiliche Aufgaben. Eine sorgfältige rechtliche
Definition der jeweiligen Kompetenzen, Vollmachten und Aufgaben
ließen solche Überschneidungen zu, solange die jeweiligen
Aufgabengebiete auf klar definierten Verantwortungsbereichen
beruhten. So konzentrierte sich die innere Sicherheit auf Themen
wie Kriminalität und die Sicherung der öffentlichen Ordnung, klar
getrennt von Aufgaben der äußeren Sicherheit, welche auf Krieg
und Landesverteidigung beschränkt waren.
Die Verwischung dieser scheinbar klaren Trennung spiegelt sich in
den sich stetig wandelnden Rollen und institutionellen Rahmenbedingungen
der Sicherheitssektoren verschiedenster europäischer
Länder wider. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001
übernehmen die Streitkräfte immer öfter polizeiliche Aufgaben,
vor allem in Nachkriegsländern. Die Polizei hingegen greift zunehmend
auf militärische Taktiken zurück. Paramilitärische Einheiten
spielen sowohl bei nationalen als auch bei internationalen Sicherheitseinsätzen
zunehmend eine stärkere Rolle. Strafverfolgung und
öffentliche Ordnung gewinnen im nationalen Sicherheitsdiskurs
an Bedeutung und sind enger mit geheimdienstlichen Aufgaben
verknüpft.
Aus der Perspektive der Sicherheits-Governance (‚Security Governance’)
sind die Auswirkungen solcher Veränderungen für die Gewaltenverschränkungen
(‚checks and balances‘) einer gesunden liberalen
Demokratie alles andere als klar. Gleichzeitig dürften diese
Veränderungen zu innovativen Lösungen für sicherheitspolitische
Herausforderungen führen und neue Möglichkeiten zur Verbesserung
der Sicherheits-Governance schaffen. Es ist daher wichtig, das
Ausmaß dieser Verschmelzung innerer und äußerer Sicherheit und
deren Auswirkungen zu verstehen und entsprechend abzuschätzen.
Der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe von S+F, zu der Fairlie
Chappuis vom Genfer Zentrum für die demokratische Kontrolle
der Streitkräfte einen wertvollen redaktionellen Beitrag geleistet
hat, widmet sich den theoretischen und empirischen Auswirkungen
des sich wandelnden Verhältnisses zwischen innerer und äußerer
Sicherheit. Ines-Jaqueline Werkner gibt einen Überblick über
die institutionelle Verflechtung innerer und äußerer Sicherheit in
Europa, sowohl auf staatlicher als auch auf EU-Ebene. Die Autorin
erklärt sich die Ursachen dieser Verflechtung mit drei Entwicklungen,
die dieses Phänomen treffend widerspiegeln: Inlandseinsätze
der Streitkräfte, vermehrte Einsätze von Polizeikräften in militärischen
Konflikten und die Verbreitung paramilitärischer Einheiten.
Der Beitrag schließt mit einem Überblick über die politischen Herausforderungen
dieser Entwicklungen.
Albrecht Schnabel und Danail Hristov stellen in ihrem Beitrag ein
konzeptionelles Grundgerüst vor, das aus Perspektive der Sicherheits-
Governance vergleichende Analysen nicht-traditioneller
Rollen von Streitkräften ermöglicht. Von den Praktiken mehrerer
westeuropäischer Demokratien ausgehend, untersuchen die Autoren
sowohl Zweck und Legitimation dieser Rollen und Aufgaben,
die dahinter stehenden spezifischen Interessen der wichtigsten
Akteure und die Chancen und Risiken, die mit solch neuen Rollen
einhergehen. Der vorgestellte konzeptionelle Rahmen macht es
zusätzlich möglich, Fall- und Zeit-spezifische Veränderungen von
Sicherheitsaufgaben zu erfassen, und bietet so ein leistungsfähiges
Instrument für die systematische Analyse der sich stetig wandelnden
Differenzierung von innerer und äußerer Sicherheit.
Die Fallstudie von Alexander Mayer-Rieckh untersucht eine der prägnantesten
Auswirkungen der Vermischung von innerer und äußerer
Sicherheit: den Einsatz von Polizeikräften in internationalen
Friedensmissionen. Der Beitrag beschreibt die Herausforderungen
von polizeilichen Einsätzen in fremder Umgebung und ohne die
zur Erfüllung solcher Aufträge erforderlichen Ressourcen oder
Spezialkenntnisse. Die Fallstudie zeigt daher treffend einige der
Schwierigkeiten auf, mit denen beim Einsatz von internen Sicherheitskräften
außerhalb ihrer traditionellen Funktion zu rechnen
ist.
In einer weiteren empirischen Analyse befasst sich der referierte
Beitrag von Derek Lutterbeck mit der in europäischen Ländern
zunehmenden Praxis, Streitkräfte im Inneren einzusetzen. Sein
Vergleich der Erfahrungen in Italien und Deutschland zeigt, dass
diese beiden Länder trotz historischer Parallelen ihren Streitkräften
sehr unterschiedliche Funktionen bei der Gewährleistung innerer
Sicherheit zuweisen. Die Fallstudie zeigt anschaulich, wie externe
Sicherheitskräfte für interne Sicherheitsfunktionen – von sehr
punktuellen bis hin zu umfassenden Aufträgen – eingesetzt werden
können.
Die Aufgaben und Pflichten der Streitkräfte für die innere Sicherheit
sind auch das Thema des referierten Beitrags von Rüdiger Fiebig
und Carsten Pietsch. Auf der Grundlage von Ergebnissen der jährlichen
Bevölkerungsbefragung zu Sicherheit und Verteidigung des
Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr untersucht der
Beitrag die öffentliche Meinung der Deutschen zum erweiterten
Aufgabenspektrum der Bundeswehr in der Terrorismusbekämpfung.
Die Studie zeigt, dass sich die Einstellung der deutschen Bevölkerung
zu Einsätzen der Streitkräfte für innere Sicherheitsaufgaben
verändert hat und den Streitkräften ein größerer Spielraum
als bisher zugestanden wird. In diesem Sinne bietet der Beitrag eine
interessante Veranschaulichung der Auswirkungen von Anti-Terror-
Politik auf eine veränderte Wahrnehmung des Verhältnisses
zwischen innerer und äußerer Sicherheit.
Der Einfluss von Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus auf
das Verhältnis von innerer und äußerer Sicherheit ist auch das Thema
des Beitrags von Milan Kuhli. Er untersucht die Rolle des deutschen
Strafrechts in der Terrorismusbekämpfung und hinterfragt,
ob dieses Regelwerk wirklich das geeignetste Instrument für die Bewältigung
dieser Herausforderungen ist. Bei der Behandlung von
Terroristen als Kriminelle werden normative und praktische Grenzen
der Strafverfolgung gezogen. Dieser Umstand wirft wiederum
neues Licht auf die Frage, ob bestehende Institutionen ausreichend
in der Lage sind, die ihnen übertragenen Aufgaben zu erfüllen.
Insgesamt gesehen bieten diese Beiträge einen umfassenden Überblick
über die theoretischen Herausforderungen für Sicherheits-
Governance, die mit der zunehmenden Vermischung von innerer
und äußerer Sicherheit entstehen, wobei die empirischen Beispiele
eindrücklich zeigen, wie durch diese Entwicklung nicht selten konventionelle
institutionelle Rahmen gesprengt werden.
Die nächste Ausgabe von S+F wird sich dem Themenschwerpunkt
“Europäisierung vs. Renationalisierung von Sicherheit” widmen.
Heiner Hänggi
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