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Informationen zur aktuellen Ausgabe
4-2010
Themenschwerpunkt:
Afghanistan – Die Internationale Gemeinschaft am Scheideweg?
Afghanistan – The International Community at the Cross roads?
Editorial
Afghanistan – Die Internationale Gemeinschaft
am Scheideweg?
Als die NATO ihr Engagement in Afghanistan im Rahmen der
International Stabilization Assistance Force (ISAF) begann,
lag der Schwerpunkt der Aktivitäten auf der Stabilisierung des
Landes, dem Aufbau staatlicher Sicherheitsstrukturen und der
Absicherung des Wiederaufbaus. Aufgrund des Erstarkens
aufständischer
Kräfte muss sich die internationale Gemeinschaft
heute mit einer völlig veränderten Lage auseinandersetzen. Die
Stabilisierungsoperation ist mittlerweile zu einer Form des Krieges
mutiert, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges in der Regel
mit einer Niederlage für die externen Mächte endete: der Aufstandsbekämpfung.
Als Konsequenz daraus haben einige Staaten
den Rückzug ihrer Kampftruppen eingeleitet, andere haben
sie aufgestockt. Auf der Londoner Afghanistan-Konferenz 2010
wurde eine stärkere Unterstützung des zivilen Aufbaus als Teil
einer veränderten Afghanistanstrategie versprochen. Zugleich
klagen Hilfsorganisationen über eine verschärfte Kriegführung
der Konfliktparteien. Einerseits bekräftigten die Staats- und
Regierungschefs auf dem NATO-Gipfeltreffen in Lissabon ihr
nachhaltiges Engagement für dieses Land, andererseits einigten
sie sich auf das Jahr 2014 als Termin zur Übergabe der vollen
Verantwortung für die Sicherheitsvorsorge an die afghanische
Regierung, wobei umstritten bleibt, was das konkret heißt.
Eines ist aber unbestritten: Gut neun Jahre nach 9/11 steht die
internationale Gemeinschaft in Afghanistan am Scheideweg.
Können neue Konzepte der Aufstandsbekämpfung und vernetzter
Sicherheit einen Weg aus der Gefahr des Scheiterns
westlicher Interventionspraxis weisen oder ist das Ende des liberalen
Demokratieexports durch einen militärisch gestützten
komplexen Staatsaufbau in Sicht? Diese beiden Fragen markieren
den Rahmen für den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe
von S+F.
Die ersten drei Beiträge gehen auf die Problematik der Aufstandsbekämpfung
(Counterinsurgency/COIN) ein. Hans-Georg
Ehrhart und Roland Kaestner analysieren das Konzept und evaluieren
seine Umsetzung in Afghanistan anhand immanenter
Kriterien. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass dieser Ansatz zum
Scheitern verurteilt ist und die internationale Gemeinschaft
bei künftigen komplexen Einsätzen eher auf eine nachhaltige
entwicklungspolitische Logik setzen sollte als auf militärisch
unterstütztes „social engeneering“ im Sinne moderner Aufstandsbekämpfung.
Richard Roy beschreibt den kanadischen
Lernprozess und die Hinwendung zu einer bevölkerungszentrierten
Strategie. Kanada habe auf den Feldern Aufklärung,
Ausbildung von Sicherheitskräften und Schutz der lokalen
Bevölkerung viel gelernt. Er kommt zu dem Schluss, dass ein
vernetzter Ansatz eine notwendige Erfolgsbedingung für erfolgreiches
COIN ist. Philipp Münch untersucht die Bedeutung
des COIN-Konzepts für und seine Anwendung durch die Bundeswehr.
Demnach ist COIN als Konzept nur vage definiert, so
dass es beliebig interpretiert werden kann. Für die Bundeswehr
habe es unter anderem die Funktion, traditionelle militärische
Praktiken zu bewahren und die Anwendung militärischer Gewalt
zu legitimieren.
Die beiden folgenden Aufsätze richten den Blick auf die Zivilgesellschaft.
Citha D. Maaß problematisiert das Verhältnis von
Aufstandsbekämpfung und Friedensstabilisierung aus der Sicht
von Nichtregierungsorganisationen (NRO). Sie konstatiert ein
verstärktes ziviles Engagement nach der Londoner Afghanistan-
Konferenz, mahnt aber kritisch an, dass eine bloße Erhöhung
der Entwicklungsgelder nicht ausreiche. Erforderlich sei
vielmehr eine Umorientierung dieser Mittel auf die Bedürfnisse
der lokalen Bevölkerung. Robert Lindner arbeitet die schwierige
Lage nichtstaatlicher Hilfsorganisationen während der Aufstandsbekämpfung
heraus. Militarisierte Hilfe dient ihm zu
Folge nicht der Sicherheit. Vielmehr sei eine Bearbeitung der
Konfliktursachen erforderlich.
Der Comprehensive Approach bzw. das Konzept der vernetzten
Sicherheit steht im Mittelpunkt der folgenden drei Beiträge.
Eva Gross untersucht die Bemühungen der EU im Bereich der
Reform des Sicherheitssektors (SSR) am Beispiel der EU-Polizeimission
und ihres Verhältnisses zur NATO-Trainingsmission.
Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die involvierten Akteure von
einem vernetzten Ansatz noch weit entfernt sind. Mark Sedra
fällt in seiner Analyse der Sicherheitssektorreform in Afghanistan
ein ernüchterndes Urteil: Die bisherigen Versuche der
internationalen Gemeinschaft seien gescheitert, weil zentrale
Mindestvorrausetzungen – u.a. ein Comprehensive Approach
und die angemessene Berücksichtigung lokaler Kontexte – auch
nach neun Jahren SSR nicht existieren. Notwendig sei eine Reform
des SSR-Modells für Konfliktregionen. Sven Gareis’ Beitrag
beschäftigt sich mit Anspruch und Praxis vernetzter Sicherheit
aus deutscher Sicht. Er mahnt Anpassungen staatlicher Strukturen
in Deutschland an, um eine effektivere Vernetzung zu
erreichen. Hinsichtlich möglicher Erfolge in Afghanistan bleibt
er angesichts des Mangels an zivilen Aufbaukräften skeptisch.
Abschließend wird die zentrale Rolle Pakistans für den Afghanistankonflikt
aus zwei Perspektiven thematisiert. Christian
Wagner untersucht Pakistans politisch-strategische Ausrichtung
zwischen Indien und Afghanistan. Die Außen- und
Sicherheitspolitik wird demnach immer noch vom Militär
und seinem strategischen Denken dominiert. Julian Schofield
analysiert die pakistanische Blockadepolitik gegenüber dem
afghanisch-indischen Handel als ein zentrales Hemmnis, das
die sozio-ökonomische Entwicklung Afghanistans negativ beeinträchtigt.
Auch wenn Pakistan mittlerweile einige Konzessionen
bei afghanischen Exporten nach Indien gemacht habe,
würde es wesentliche Hindernisse für indische Ausfuhren nach
Afghanistan weiterhin aufrechterhalten.
Insgesamt zeichnen die in dieser Ausgabe vereinten Aufsätze
ein eher skeptisches Bild der Lage in Afghanistan. Sie machen
aber auch deutlich, dass noch viel Forschungsbedarf besteht
– nicht nur im Hinblick auf das Land und die Region, sondern
auch auf Theorie und Praxis grundlegender Konzepte wie Aufstandsbekämpfung,
Sicherheitssektorreform, vernetzte Sicherheit
und Stabilisierung fragiler Staaten. So gesehen scheint die
internationale Gemeinschaft nicht nur in Afghanistan am
Scheideweg zu stehen.
Hans-Georg Ehrhart
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